Rios zwei Gesichter

Südzone von Rio de Janeiro.

Rio de Janeiro ist für mich immer wieder atemberaubend. Schon der Anflug ist verheißungsvoll, wenn aus dem blauen Meer plötzlich die grünen Hügel auftauchen, die Buchten mit den hellen Stränden und dem Häusermeer.

Wegen seiner einmaligen Geographie und dem besonderen Charme seiner Einwohner ist Rio noch immer die heimliche Hauptstadt Brasiliens - obwohl es diesen Titel offiziell im Jahr 1960 an die Retortenstadt Brasilia im Landesinnern abgeben musste.

Zwar ist Rio in den letzten 30 Jahren durch die Zuwanderung aus den Nähten geplatzt. Doch viele Viertel haben ihren dörflichen Charakter bewahrt, und für diese Oasen nehme ich mir immer ein wenig Zeit. Wie für das ehemalige Villenviertel Santa Teresa auf dem Hügel über der Altstadt. Die engen, steilen Gassen mit Kopfsteinpflaster sind ein Albtraum für Autofahrer, daher nehme ich lieber die Anstrengung auf mich und gehe zu Fuß. Inzwischen sind die Reichen aus der Stadt hinausgezogen. Lange waren die verfallenen Villen in Santa Teresa Schlupfwinkel für Prostituierte und Drogenhändler, doch nun zieht es immer mehr Künstler und Intellektuelle hierher.

Blick auf Santa Teresa, Rio de Janeiro.

Die schönste Flaniermeile für mich ist Ipanema mit seinen breiten, gepflasterten Trottoirs unter hohen Bäumen. Hier gibt es die traditionellsten Bars und Kneipen. Wie Rio unter den Kolonialherren ausgesehen hat, lässt sich noch in Botafogo erahnen, wo einige Häuschen der Immobilienspekulation und dem mehrstöckigen Straßenbau tapfer standhalten.

Ein völlig anderes Rio erlebe ich direkt neben diesen Vierteln: in den Favelas, den vielen Armenvierteln der Stadt. Hier gibt es keine gepflasterten Straßen, keine Müllabfuhr, wenig Strom. Die vielen einfachen Hütten, die sich die Berghänge hochziehen sind oft nur über hunderte Treppenstufen und matschige Erdböden erreichbar. Hier lebt der Großteil der Bewohner von Rio. Die meisten von ihnen sind schwarz, haben Gelegenheitsjobs und nur zwei Zimmer für ihre fünfköpfige Familie. Sie arbeiten als Putzfrauen, Busfahrer oder Strandverkäufer.

Einige Favelas können mittlerweile besucht werden, weil sie sicherer geworden sind – wie Vidigal, direkt neben den Nobelvierteln Leblon und Ipanema, oder Santa Marta in Botafogo. Mit künstlerischen Graffitis verschönern die Bewohner ihre Hütten, der Blick von den Hügeln auf Rio ist atemberaubend. Andere Favelas, besonders die außerhalb des touristischen Zentrums, sind immer noch sehr gefährlich. Armut, Drogen und Gewalt bestimmen hier den Alltag. Drogenbanden bekriegen sich auf den Wegen zwischen den Häusern – nicht selten kommen Unbeteiligte ums Leben. Auch in Vidigal gibt es zeitweise Schusswechsel – sie sind dann bis an den Strand von Ipanema zu hören.

Jungen spielen am Strand Fußball
Fußball an der Copacabana. (Foto: Escher)

Bis dorthin, wo alle zusammenkommen, die sonst der soziale Status trennt. Auch ich bin niemals in Rio, ohne an den Strand zu gehen. Denn er ist das Herz der Stadt. Von früh bis spät ist hier etwas los. Jeder der Strandabschnitte hat sein spezielles Publikum: es gibt einen Abschnitt für Familien, einen für Jugendliche, einen für Sportler. Auf den ersten Blick scheinen hier die gesellschaftlichen Trennungen aufgehoben, denn „Cariocas“ nehmen nur ihre Badehose und ein Tuch mit an den Strand – keine Statussymbole. Und dennoch regieren auch hier Ungleichheit, Misstrauen und Kriminalität.

Die Cariocas klagen viel über die Gewalt und die Arbeitslosigkeit in ihrer Stadt und doch würden sie nie wegziehen. Nicht wenige Favela-Bewohner sind stolz auf das Viertel aus dem sie kommen. Warum sollten sie die „cidade maravilhosa“, die wundervolle Stadt, verlassen?

Sandra Weiss